Über Brillen und über Angst

Februar 21, 2017

Seit einigen Monaten bin ich glückliche Brillenträgerin. Glücklich, weil ich frei von Kopfschmerzen bin und ich mir wieder zutraue, in der Dunkelheit Auto zu fahren. Glücklich aber auch, weil die Brille für mich zu einem Superheldencape geworden ist. Im zartesten Sinne: Zu einer Tarnkappe und einem Löwenkostüm.

Angst zu haben, ist nicht chic. Ich weiß nicht, wann die Angst in mein Leben eingezogen ist wie das Monster aus Stranger Things. Aber sie ist da, mal mehr und mal weniger und in gewisser Weise kennen das sicher viele meiner Mitmenschen. – Auch wenn wenig bis gar nicht über Angst gesprochen wird. Prüfungsangst, soziale Angst, Alltagsangst. Manchmal lähmend und manchmal nur wie die nötige Prise Salz, die eine Süßspeise erst so richtig gut macht.

Einkaufen, noch schnell zur Post, dieser eine Antrag, ups, das wollte ich schon vor Monaten abschließen, heute endet die Frist, Seminare und Gespräche über – alles! Dann bin ich Mama oder Tochter, Studentin oder Antragstellerin, Freundin oder Fragende. Oft scheint es mir ganz leicht von der Hand zu gehen, ich folge da dem Motto fake it until you make it.

Doch es gibt auch Tage, an denen ich ein verletzliches, verschrecktes Kaninchen bin und der Alltag draußen nur schwer zu meistern scheint. Dann baue ich Höhlen, lasse metaphorische Jalousien herunter und deklariere den angefangenen als Faulenzertag. Und ja, das hilft mir manchmal. Familie, gute Gespräche, Tee in Schlafanzug und Schneidersitz. Aber der Alltag mit seinen Aufgaben und Pflichten lässt sich nicht für immer hinten anstellen. Am meisten verfluche ich die Angst, die sich einstellt, wenn ich – für meinen Geschmack – nicht genug getan habe. An solchen Kaninchentagen trage ich meine Brille besonders gern. Sie sorgt für ein bisschen Entfremdung, ist ein Distanzhalter und ich kann, wenn ich die Brille trage, ganz geschäftig sagen: Du, ich muss ganz schnell weiter… und mich entziehen.

Ich renne wahrscheinlich die offenen Türen des Internets ein, wenn ich mir mehr Sensibilisierung wünsche. Mittlerweile kann man auf allen (Social Media) Kanälen etwas über psychische Gesundheit erfahren. In meinem Alltag ist das aber noch nicht merklich angekommen.

Ich wünsche mir, dass mir mal jemand (so wie man es aufgrund von Migräne, Grippe oder Durchfall genauso macht) mit den Worten absagt: Du, nee, ich kann heute doch nicht kommen. Ich hab schlimme Angst und muss mich erst einmal wieder sammeln.

Und wenn ihr mich mit Brille antrefft, könnt ihr ja etwas Nettes zu mir sagen.

 

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1 Comment

  • Reply Kaja April 3, 2018 at 2:17 pm

    Wirklich schön geschrieben 🙂

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